Im Juni 2022 erhielt das Heimatmuseum eine Mappe mit sechs farbigen Scherenschnitten mit Hiddensee-Motiven gefertigt von Dagmar Lobe. Der Besitzer, Dr. med.Matthias Schwenke aus der Nähe von Greifswald, fand die Mappe im Nachlass seines Vaters .
Bereits seit 2020 fand ein Austausch über die Künstlerin zwischen Dr. Schwenke und dem Heimatmuseum statt, da Lebensdaten von Dagmar Lobe weitestgehend unbekannt waren. Verschiedene Wege der Recherche wurden eingeschlagen, aber oft blieb die Suche erfolglos. Die Scherenschnitte lassen zum Beispiel vermuten, dass die Künstlerin durch die Bauhaus-Schule beeinflusst gewesen sein könnte – in deren Archiv findet sich aber leider kein Hinweis. Kontakte zum Bauhaus sind aber nachweisbar. Ihr Freund, Bruno Adler, war dort Dozent für Kunstgeschichte.
Glücklicherweise taucht Dagmar Lobe jedoch in verschiedenen biographischen Büchern auf. Das hängt vor allem mit dem Umstand zusammen, dass sie ab 1917/18 die Fürsorge für 3 Kinder der mit ihr befreundeten jüdischen Familie Vallentin übernahm, da deren Eltern an Tuberkulose verstarben. Die älteste Pflegetochter Judith Vallentin heiratete später den Kommunisten Erich Auer. Bis zum Verrat durch einen eingeschleusten Spitzel war sie in der Widerstandgruppe um Anton Saefkow tätig. 1944 wurde Judith Vallentin vom Volksgerichtshof verurteilt und in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Judith war in jüngeren Jahren durch die Vermittlung von Dagmar Lobe oft in den Ferien auf Hiddensee und später eine Zeitlang als Hausmädchen bei Pfarrer Gustavs. Die Verbindung zur Insel wiederum kann wohl auf Oskar Kruse zurückgeführt werden – die Tante von Dagmar Lobe war die Hausdame von Kruse.
Die jüngere Pflegetochter Ruth Vallentin, von 1919 bis 1923 Studentin am Bauhaus Weimar, konnte 1933 rechtzeitig über Paris in die Schweiz emigrieren und wieder Kontakt zu ihrer ehemaligen Pflegemutter Dagmar Lobe aufnehmen, die noch vor 1933 in die Schweiz ausgewandert war. So finden sich hier und da gelegentlich Puzzleteilchen, das Bild ist jedoch immer noch sehr unvollständig.
Der neueste Fund: ein Brief von Gerhart Hauptmann an Julius Elias, in dem Hauptmann eine vorgeschlagene schriftliche Besprechung der Scherenschnitte für die Vossische Zeitung ablehnt. Man würde ihm nicht verzeihen, dass er an vielem „Großen und Guten” schweigend vorübergehe und sich ausgerechnet den „niedlichen“ Werken von Lobe widme…
Für die nun dem Heimatmuseum übergebene Mappe „Hiddensoe“ verfasste der Berliner Architekt und Dozent Dr. Paul Zucker das lesenswerte Vorwort. Er wurde als jüdischer Angestellter 1933 von der Hochschule für Bildende Künste und folgend 1935 von der Lessing-Hochschule Berlin entlassen . Nach dem Berufsverbot emigrierte er in die USA und arbeitete in New York als Dozent für Architektur. Informationen über die künstlerische Beziehung zwischen Paul Zucker und Dagmar Lobe sind bisher nicht bekannt. Paul Zucker, dem 1968 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, starb 1971 in New York, Dagmar Lobe starb 1978 in Ascona.
Die kleine Mappe von Dagmar Lobe gehört nicht nur zu einer der vielen künstlerischen Verarbeitungen von Inselimpressionen, sondern ist im Kontext vor allem bewegende Zeitgeschichte. Unsere Suche geht weiter , die Mappe hingegen hat ihren Platz nun in der Sammlung des Heimatmuseums gefunden. An Dr. Schwenke geht ein großer Dank für diese Spende.
Quellen:
Ruth Cidor-Citroen: Vom Bauhaus nach Jerusalem. Stationen eines jüdischen Lebens im 20. Jahrhundert. Nachwort Anja von Cysewski. Metropol Verlag, Berlin 2004
Ruth und Günter Hortzschansky: Judith Auer (1905–1944). Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein. Trafo-Verlag, 2. erw. Auflage Berlin 2017
Arnold Gustavs: Hiddensee. Aufzeichnungen eines Inselpastors. Hrsg.: Arne Gustavs. Ev. Verlagsanstalt GmbH, 1. Auflage Berlin 1980
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